Der Mensch ist ein Augentier: In der Hierarchie der Sinne steht das Sehen in unserer Kultur an erster Stelle. Aber eigentlich ist das Ohr der heimliche Leader!
Das menschliche Gehör arbeitet unfassbar schnell und schläft nie - ein aufmerksamer Warner, der mit gutem Grund direkten Zugang zu unseren Emotionen hat. Egal ob in der Natur, im Konzert, beim Familientreffen oder am Arbeitsplatz - gutes Hören sorgt für Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe.
Schlechtes Hören oder gar ein Hörverlust haben daher tiefgreifende Folgen für die physische und soziale Gesundheit.
Einerseits vollbringt die moderne Medizin wahre Wunder, wenn es darum geht, aus Tauben wieder Hörende zu machen. Menschen, die mithilfe einer Elektrode in ihrem Kopf und komplexen Prozessoren wieder hören und verstehen können, sind eigentlich eine wahrgewordene Science-Fiction-Fantasie: Cyborgs, bei denen Technik und Natur verschmelzen.
Aber wie fühlt sich das im wahren Leben an? Wie weit ersetzt die Technik wirklich das natürliche Hören? Wie reagiert die Umwelt auf Menschen, die dank Cochlea-Implantat, anders hören?
Dr. Veronika Wolter ist die erste gehörlose Chefärztin Deutschlands, lebt selbst seit vielen Jahren mit solchen künstlichen Ohren und implantiert ihren Patienten diese Geräte. Dr. Wolter gibt ungewöhnlich offene Einblicke in ein Leben, in dem Technik und ein unglaublich lernfähiges menschliches Gehirn zu einer existentiellen Einheit verschmelzen.
Die moderne Medizin ist andererseits oft machtlos, wenn es darum geht, Menschen mit einer vermeintlich geringen Hörbeeinträchtigung zu helfen. - Menschen wie Günter Lück. Seit 20 Jahren leidet er an Tinnitus und hat bisher vor allem von einem profitiert: Hilfe zur Selbsthilfe.
Eine eher kleine Schädigung des Innenohrs führte in seinem Gehirn, dort, wo der Höreindruck eigentlich erst entsteht, zu einem konstanten Verarbeitungsfehler. Günter Lück beschreibt es als Geisterton, der einen packt und nicht mehr loslässt.
Wenn dann auch noch eine Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Tönen, eine sogenannte Hyperakusis dazukommt, kämpfen Tinnitus-Patienten nicht nur um die eigene seelische Gesundheit, sondern auch mit dem Unverständnis der Umwelt.
Hörbeeinträchtigungen sind unsichtbar - Betroffene werden deshalb zum Teil nicht nur als Simulanten, sondern auch als überempfindlich oder sogar dumm abgestempelt.
Egal ob Tinnitus, Hyperakusis oder die Gewöhnung an ein Cochlea-Implantat - eine Beeinträchtigung des Hörvermögens stört und behindert immer die soziale Kommunikation.
Wie viel Mut, Kraft und Geduld es erfordert, diese unsichtbare Barriere zu überwinden oder mit ihr zu leben, kann man erst nachvollziehen, wenn man besser versteht, was genau Menschen mit Hörbeeinträchtigungen hören können und was nicht. Wo der Schmerz anfängt und wo der Stress aufhört.
Die Doku zeigt den täglichen Kampf von Menschen mit Hörbeeinträchtigungen um Akzeptanz und um Verständnis.
Gesundheit! wurde auf BR ausgestrahlt am Dienstag 2 Juni 2026, 19:00 Uhr.